Allgemeine Versorgung

Die Faktorversorgung für Menschen mit Hämophilie wird künftig über die öffentliche Apotheke abgewickelt und damit der Versorgung mit anderen Arzneimitteln gleichgestellt. Erfahren Sie hier, was sich für Patienten, Ärzte und Apotheker ändert.

Wer macht was ab 15. August 2020

  • Wer entscheidet zukünftig über die Therapie des Patienten?

    Die Therapiefreiheit liegt weiterhin beim dauerhaft behandelnden Hämophilie-Arzt.

  • Kann die auf ärztliche qualitätsgesicherte Behandlung von Gerinnungsstörungen bei Hämophilie ausgerichtete Einrichtung die durch hämostaseologisch qualifizierte Ärztinnen oder Ärzte erbrachte Leistung weiterhin abrechnen?

    Die Abrechnung der Leistungen kann erfolgen, wenn für die Versorgung der Hämophiliepatienten zwischen dem Zentrum und den Krankenkassen gem. § 132i SGB V Versorgungsverträge vereinbart worden sind.

    Die Vorbereitungen dazu sollten bestenfalls schon laufen. Bei Fragen dazu kontaktieren Sie bitte die jeweiligen Krankenkassen. Die Behandlung ist auch ohne Versorgungsverträge möglich, erlaubt aber keine spezielle Abrechnung der zusätzlichen Leistungen, denn die Verträge dienen zur:

    • Vergütung von zusätzlichen, besonderen ärztlichen Aufwendungen zur medizinischen Versorgung und Betreuung von Patientinnen und Patienten mit Gerinnungsstörungen bei Hämophilie
    • Vergütung der Beratung über die Langzeitfolgen von Gerinnungsstörungen
    • Vergütung der Begleitung und Kontrolle der Selbstbehandlung
    • Vergütung der Dokumentation nach § 14 des Transfusionsgesetzes und Meldung an das Deutsche Hämophilieregister nach § 21 Absatz 1a des Transfusionsgesetzes
    • Vergütung der Notfallvorsorge und -behandlung
  • Kann der Patient sich auch ein Rezept beim Hausarzt holen?

    Ja, grundsätzlich ist das möglich. Es sollte jedoch vorher geprüft werden, inwiefern die Verordnung von Gerinnungsfaktoren als Praxisbesonderheit anerkannt ist.

    Wir empfehlen hier eine konkrete Abstimmung zwischen dem hämophiliebehandelnden Arzt, dem Patienten und dem Hausarzt, in welchen Ausnahmefällen eine Verordnung beim Hausarzt sinnvoll sein kann (z.B. wenn der Wohnort des Patienten weit vom Gerinnungszentrum entfernt ist).

  • Wie erfolgt die Verordnung bei Privatversicherten?

    Die Änderungen des Vertriebsweges gelten ebenso für Privatpatienten. Der Arzt verordnet – wie bisher auch – das Produkt auf dem Privatrezept. Der Patient klärt dann mit der Apotheke und seinem Versicherer, wie die Abrechnung erfolgt. Ggfs. lässt sich eine Vereinbarung mit der Privatkrankenkasse treffen, die die direkte Bezahlung an die Apotheke regelt, wenn der Patient seine Forderung gegenüber der Kasse abtritt.

  • Wie erfolgt die Abrechnung des Rezeptes für einen Patienten, der beihilfeversichert ist?

    Das Versicherungsverhältnis besteht zwischen Patient und Beihilfeversicherung. Deshalb wird dem Versicherten empfohlen, ein mit der Beihilfe abgestimmtes Zahlungsziel mit seiner Apotheke zu klären. In diesem Zeitraum sollte dann unverzüglich die Rechnung der Beihilfe zur Verfügung gestellt werden und diese ihrerseits der schnellstmöglichen Zahlung an den Versicherten nachkommen.

  • Ab wann muss der Patient seine Faktorprodukte für die Heimselbstbehandlung in der öffentlichen Apotheke holen?

    Ab dem 15. August 2020. Mit diesem Tag tritt die Streichung des Direktvertriebes an hämostaseologisch erfahrene Ärzte (gemäß § 47 Abs. 1 Nr. 2a AMG) in Kraft und Gerinnungszentren dürfen ihren Patienten keine Faktorprodukte mehr abgeben (außer zur Notfallversorgung).

  • Muss der Behandler ein anderes Rezeptformular nutzen als bisher?

    Nein. Er verordnet weiterhin das Produkt auf dem Muster 16 oder Privatrezept wie bisher. Es wird empfohlen, die Zahl der Packungen auf dem Rezept und die Wirkstärkenverordnung so zu optimieren, dass den Patienten im Falle der Zuzahlungspflicht keine Nachteile treffen (siehe Zuzahlung).

  • Darf der Behandler seinen Patienten eine Apotheke empfehlen?

    Nein. Gemäß § 11 Abs. 1 Satz 1 ApoG (Gesetz über das Apothekenwesen) dürfen keine Absprachen und Zuführungen von Patienten zwischen Apothekern und Ärzten stattfinden. Außerdem regelt die Berufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte die Wahrung der ärztlichen Unabhängigkeit bei der Zusammenarbeit mit Dritten: „Ärzte und Ärztinnen, die in Deutschland tätig sind, dürfen ihren Patientinnen und Patienten nicht ohne hinreichenden Grund bestimmte Ärztinnen oder Ärzte, Apotheken, Heil- und Hilfsmittelerbringer oder sonstige Anbieter gesundheitlicher Leistungen empfehlen oder an diese verweisen“ (siehe § 11 Abs. 1 Satz 1 ApoG). Es ist zu empfehlen, den Patienten über die freie Apothekenwahl aufzuklären und diese Aufklärung in den Patientenakten zu dokumentieren. Auf aktive Nachfrage des Patienten an den Behandler darf er jedoch seine Erfahrungswerte mitteilen.

  • Kann/darf der Apotheker ein anderes Faktorprodukt ausgeben?

    Grundsätzlich darf die Apotheke nur die Substitution durch ein wirkstoffgleiches Präparat vornehmen. Bei biotechnologisch hergestellten Arzneimitteln regelt der Rahmenvertrag über die Arzneimittelversorgung nach § 129 Abs. 2 SGB V in der Fassung vom 1. Januar 2019 zwischen dem Deutschen Apothekerverband e.V. und dem GKV-Spitzenverband die Austauschbarkeit. In der dortigen Anlage 1 genannte wirkstoffidentische biotechnologisch hergestellte Arzneimittel mit gleicher Darreichungsform sind unabhängig von der im Preis- und Produktverzeichnis gemeldeten Darreichungsform austauschbar. Faktorprodukte sind in dieser Anlage nicht aufgeführt und somit nicht austauschbar.

    Wenn der Arzt zu 100% sicher gehen will, vermerkt er auf der Verordnung den Handelsnamen und die PZN des Produktes.

  • Kann/darf der Apotheker von sich aus ein Reimport-Produkt ausgeben?

    Prinzipiell kann der Apotheker einen Reimport abgeben, jedoch ist der Austausch im Bereich der biologischen Arzneimittel – also auch bei Faktorpräparaten – nicht relevant für die Reimport-Quote der einzelnen Apotheke.

  • Was passiert, wenn der Apotheker dem Patienten das Produkt nicht abgeben will?

    Grundsätzlich besteht für Apotheken sogenannter Kontrahierungszwang (Apothekenbetriebsordnung, ApBetrO §17 Abs. 4). Das bedeutet: Das von einem Arzt auf einem Rezept verordnete Medikament muss der Apotheker in einer der Verschreibung angemessenen Zeit abgeben. Der Apotheker ist laut Berufsordnung verpflichtet, Patienten die notwendige Hilfestellung zu geben, um das gewünschte Arzneimittel zu bekommen.

  • Was passiert, wenn der Apotheker dem Patienten das Produkt nicht zur Verfügung stellen kann?

    Sollte der Apotheker das Faktorprodukt nicht in seiner Apotheke auf Lager haben, bestellt er dieses beim Pharmahersteller. Hier erfolgt die Lieferung in der Regel innerhalb von 24 – 72 Stunden. Alternativ kann der Apotheker das Produkt auch über den Großhändler bestellen. I. d. R. wird der Apotheker täglich bis zu drei Mal vom Großhändler beliefert. Viele Apotheken bieten ein spezielles Servicepaket an, das meist auch die Lieferung an den Wohnort (z.B. mittels Botendienst) einschließt.

  • Kann/darf die Apotheke Patienten ablehnen?

    Nein. Für Apotheken besteht ein sogenannter Kontrahierungszwang. Das bedeutet: Das von einem Arzt in einem Rezept verordnete Medikament muss der Apotheker in einer der Verschreibung angemessenen Zeit abgeben (Apothekenbetriebsordnung, §17 Abs 4 ApBetrO).

Für Rückfragen stehen wir Ihnen gerne unter 06131/903 1324 zur Verfügung

Montag bis Freitag 8:00 Uhr bis 18:00 Uhr

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  • GSAV-Printout

    GSAV: Update Hämophilie

    • Was sich ab 15. August 2020 ändert
    • Informationen zu Gesetzesänderungen
    • Fragen und Antworten zur Allgemeinen Versorgung, Zuzahlung, Notfallversorgung und Dokumentation
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Diese Seite wurde erstellt mit freundlicher Unterstützung von Dr. Susan Halimeh, GZRR Duisburg, und Claudia Neuhaus e. Kfr., Witzleben Apotheke 26, Berlin.